Berlin, 10.11.2011/cw – Der gestern in der ARD gesendete Spielfilm „Es ist nicht vorbei“ ist nach einer Mitteilung der ARD von heute mit über 18,3% Zuschauerbeteiligung Tagessieger geworden. Die anschließende Doku „Die Frauen von Hoheneck“ von Kristin Derfler und Dietmar Klein erreichte ebenfalls sensationelle 17,3 %.
Der ARD-Film „Es ist nicht vorbei“ siegte mit 5,85 Mio. Zuschauern, für das ZDF-Magazin „Aktenzeichen XY…ungelöst“ interessierten sich 5,29 Mio. Zuschauer. Platz 3 und 4 gingen laut „meedia.de“ wieder ans Erste: Die 20-Uhr-Tagesschau (5,23Mio.) lag nur knapp vor der Dokumentation “Die Frauen von Hoheneck“ (5,01 Mio). Auf Rang fünf landete „RTL aktuell“ mit 4,48 Mio. Zuschauern.
Der Programmdirektor der ARD, Volker Herres, zeigte sich hoch erfreut über „so viel Anklang bei Presse und Publikum“ für dieses „nicht einfache Thema.“
Überschattet wurde die Freude durch einen gestrigen Artikel in BILD, die erneut aus Anlass der Filmausstrahlung auf die Verstrickungen des Schauspielers Ernst-Georg Schwill hingewiesen hatte (wir berichteten). Laut einem Bericht der Berliner Morgenpost von heute stand der Film tatsächlich vor der Absetzung. Nach dem zweifellosen und überwältigenden Erfolg des Filmes, der am Wochenende den Goldenen Biber für den besten deutschen Fernsehfilm 2011 auf den Biberacher Filmfestspielen erhalten hatte, sind die Verantwortlichen offenbar froh über die Entscheidung, den Film nicht aus dem Programm genommen zu haben.
Tatsächlich hatte die BILD am SONNTAG und im Gefolge zahlreiche Zeitungen bereits 2006 über die Vorwürfe gegen den TATORT-Schauspieler breit und umfassend berichtet, wie Recherchen des Fördervereins BuG Hoheneck zwischenzeitlich ergaben. Insoweit war der gestrige hier veröffentlichte Vorwurf gegen BILD unzutreffend, BILD sei seiner Aufklärungspflicht nicht oder unzureichend nachgekommen. Auch der Autor des gestern in BILD veröffentlichten Artikels, Hans Wilhelm Saure, hatte bereits 2006 ausführlich in BILD am SONNTAG über diesen Komplex berichtet.
Auffällig in dieser vor fünf Jahren verbreiteten Information sind die vielfach zitierten Anfragen an den RBB, der zusammen mit dem SWR und dem Film-Studio Hamburg den Hoheneck-Film produziert hatte. Der RBB hatte seinerzeit „eine Prüfung der Vorwürfe“ zugesagt, diese Prüfung aber offensichtlich nicht oder nur unzureichend durchgeführt. Jedenfalls scheinen danach die RBB-Verantwortlichen durchaus in der Lage gewesen zu sein, ihre Produktions-Partner vor einer Besetzung der Rolle des einstigen Führungsoffiziers mit dem offenbar Stasi-belasteten Schauspieler zu warnen oder gar nicht erst zuzulassen. Es stellt sich hier aus unserer Sicht, der einstigen Verfolgten des DDR-SED-Regimes nicht die Frage nach einem ARD-Skandal, wie BILD titelte, sondern die Frage nach einem möglichen Skandal im RBB: „Wir erwarten eine solide und konsequente Prüfung der Vorgänge und Abläufe im Sender, damit in Zukunft derartige Pannen nicht mehr passieren,“ erklärte die Vorsitzende des Hohenecker Vereins nach Kenntnis der Fakten. Es sei ein erheblicher Unterschied, ob „der Sender trotz dieser Vorwürfe eine bekannte Krimi-Serie mit einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter besetze, was an sich schon schlimm genug sei. Nicht hinnehmbar sei die Besetzung in einem derart wichtigen Film, der gerade die Verstrickungen eines Stasi-IM und die daraus resultierenden Langzeitfolgen für die Opfer zum Thema habe.“
Trotzdem bleibt Sterneberg dabei: “Unabhängig von diesen Vorwürfen, die uns alle überrascht und schockiert haben, sei die Rolle von Schwill überzeugend und frappierend echt gespielt worden.“ Vielleicht habe er damit im Nachhinein einen wichtigen Beitrag geleistet und habe so als Belasteter einen eindrücklichen Blick in die heutige Psyche ehemaliger Stasi-Obristen ermöglicht.
Schwill lag mit seiner 2006 selbst geäußerten Befürchtung offenbar bisher falsch: „Jetzt beginnt die Hexenjagd. Ich bekomme wohl keine Arbeit mehr”, hatte er seinerzeit gegenüber dem Berliner Kurier geäußert. Denn seit der ersten Aufdeckung seiner offenbaren Verstrickungen konnte sich der Schauspieler über Einschränkungen seiner schauspielerischen Tätigkeit nicht beklagen.
Redaktioneller Hinweis: Die Veröffentlichung der am 8.11.2011 in Stollberg beschlossenen Hohenecker Erklärung verzögert sich aus aktuellen Gründen; wir bitten um Verständnis.
V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-480612953


5 Kommentare
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19. November 2011 um 17:56
Justin
Das ist mal ein gut zu lesender Artikel, vielen Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich die Seite leicht zugaenglich.
14. November 2011 um 19:06
Christa
To: christian_buss@spiegel.de
Sent: Sunday, November 13, 2011 8:52 PM
Subject: ARD “Es ist nicht vorbei”
Sehr geehrter Herr Buß,
wohl wissend, dass Sie für das Ressort Kultur schreiben und somit ein Bericht über den ARD-Film “Es ist nicht vorbei” in Ihren Aufgabenbereich fällt, erlaube ich mir dennoch, Ihnen ein paar weiterführende Links zu den relevanten Inhalten zu schicken. Denn vielleicht interessiert Sie das Thema “Hohenecker Frauen” mit den heutigen Folgen als solches.
Doch zunächst vielen herzlichen Dank für Ihren Artikel in SPIEGEL online!
Und hier ein Link zu den Tätern und wie diese das Frauengefängnis Hoheneck gerne dargestellt haben möchten. Die Hoheneckerinnen dürften dazu die Luft anhalten.
URL: http://www.mfs-insider.de/Erkl/Hoheneck1.htm
Auch hier spricht eine Dame, Eva Aust, die drei Jahre in Hoheneck verbringen musste wegen versuchter Republikflucht.
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=8382890
Der Bundespräsident Christian Wulff sagt in seiner Hohenecker Rede vom Mai diesen Jahres: “Schon der Wunsch nach Freiheit, der Wunsch von Deutschland nach Deutschland zu gelangen, nicht erst der Versuch, schon Ausreiseanträge und bloße Mitwisserschaft von Fluchtplänen konnten im Gefängnis enden.”
URL:http://www.berliner-mauer.de/Aktuell/gang-des-bundespraesidenten-dr-chriustian-wulff-durch-die-ehem-stva-hoheneck.html
In der Hoffnung, Ihr Interesse an der Thematik geweckt zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Christa (…)
12. November 2011 um 00:47
Friedhelm Bark
Das war erstklassige und realistische Fernsehunterhaltung, gestern abend um 20.15 Uhr mit dem Film ES ist nicht vorbei . Kein Vergleich mit dem kitschigen und unrealistischen Film Der Mauerschütze, ebenfalls von der ARD ausgestrahlt, im August dieses Jahres.
Ebenfalls sehr interessant und wirklich glaubhaft, da durch die Aussagen der Betroffenen hervorragend dokumentiert, der anschließende Bericht Die Frauen von Hoheneck. Sehr beeindruckend und wichtig, daß diese Frauen den Mut hatten, im Fernsehen über ihre Erniedrigungen zu berichten.
Leider hat sich nicht viel in der Aufarbeitung unserer Geschichte nach 1945 im Bezug auf 1989 Deutschland Ost geändert, daher ist es um so wichtiger, daß solche Filme gedreht werden. Auch die (für mich uninteressante) Einschaltquote hat gestimmt, wie ich heute den Medien entnahm.
Ein dickes Lob an alle Beteiligten, insbesondere an Frau Derfler.
Wenn möglich, diese Mail bitte auch den Frauen, die in der Dokumentation zu Wort kamen, zugänglich machen, das ist mir sehr wichtig.
Freundliche Grüße
Friedhelm Bark
49356 Diepholz / Niedersachsen
12. November 2011 um 00:05
Kristin
Ihr Lieben,
hier nochmal mein korrigierter, ergänzter Brief, ich habe ihn schon auf das Gästebuch des Frauenkreises gestellt:
Liebe Frauen von Hoheneck,
mit der überwältigenden Ausstrahlung der beiden Filme am Mittwoch ist für uns ein langer Weg erfolgreich zu Ende gegangen, der von vielen
Felsbrocken überlagert war.
Wir sind glücklich und sehr erleichtert, dass dieser Abend im Hauptprogamm der ARD zur primetime stattgefunden hat und wir hoffen, nach dem Anschauen der stark gekürzten und veränderten Fernsehdoku, seid ihr immer noch zufrieden mit dem Ergebnis. Unsere lange Fassung gibt es bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur unter dem Titel „Ein Tag zählt wie ein Jahr“.
Wir möchten euch danken, für euer Vertrauen, das ihr uns in den letzten Jahren geschenkt habt, denn dieser Mut, EUER Mut ist Millionenfach gesehen und belohnt worden. Fast sechs (6!) Millionen Zuschauer bundesweit haben sich zwei Stunden an diesem Abend, dem 9. November 2011, mit euren Schicksalen und Hoheneck beschäftigt.
Für uns war die gemeinsame Zeit mit euch sehr bewegend. Wir haben viele tolle Frauen und spannende Persönlichkeiten kennenlernen dürfen und dafür sind wir sehr dankbar.
Jede von euch hätte es verdient, einzeln gewürdigt und vorgestellt zu werden. Aber auch wir sind nicht “frei” und mußten Kompromisse machen. Deshalb mußten wir auch irgendwann bestimmte Entscheidungen treffen, sie sind uns nicht leicht gefallen, aber wir sehen in den vier exemplarisch vorgestellten Frauenschicksalen und ihren Familien JEDE EINZELNE von euch: Ihr seid Kameradinnen, trotz der vielen, sehr unterschiedlichen Schicksale zu unterschiedlichen Zeiten und vor allen Dingen seid ihr in euren Seelen vereint, in einer für euch alle überaus schmerzvollen Leidenszeit. Dessen solltet ihr euch immer bewußt sein.
Es ist nicht vorbei – so lautet der Titel des Spielfilms. Vieles ist nicht vorbei, noch lange nicht bewältigt und aufgearbeitet. Aber ein kleiner, bescheidener Anfang ist gemacht: Heute kann keiner mehr sagen, er oder sie habe noch nie etwas vom Frauengefängnis Hoheneck gehört.
Wir wünschen euch weiterhin viel Kraft für euren Kampf für eine würdige Gedenkstätte und ihr könnt stets auf unsere Unterstützung zählen.
Genießt den Erfolg, liebe Hoheneckerinnen – es ist in erster Linie und ganz allein EUER Erfolg!
Unser spezieller Gruss richtet sich an die Kinder und Familienangehörigen der Hoheneckerinnen. Ihnen gebührt unser Respekt, denn sie mußten mit den Folgen ihrer eingesperrten Mütter und Väter alleine zurecht kommen.
Das Schlimmste am Schlimmen ist, nicht darüber reden zu können. Deshalb: Hört nie auf Fragen zu stellen und sucht das Gespräch.
Herzliche Grüsse,
Eure Filmemacher Kristin Derfler+Dietmar Klein
10. November 2011 um 14:06
Michael Kleim
ich stehe noch jetzt unter dem Eindruck dieses Filmes. Nach meiner subjektiven Einschätzung ist es bisher der beste Film, der die Repression in der DDR thematisiert. “Es ist nicht vorbei” – auch der Titel trifft den Nerv und die Wahrheit. Ich habe den Abend mit meiner Familie und mit Freunden vor dem Fernseher verbracht und dann haben wir doch noch auch den sensiblen Dokumentarstreifen angeschaut. Das, was Menschen da bis heute erleiden, wurde emotional und sachlich sehr gut dargestellt. Der Film erzählt seine Geschichte glaubwürdig und ernst. Die Diskussion um Stasibelastungen eines Schauspielers lenken wieder einmal von den Opfern und vom Kern der Erzählung ab. Ich wünsche “es ist nicht vorbei” weitere aufmerksame Zuschauer.